„Sie war unsere Beste“ Dezember 6, 2007
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schreibt Spiegel-Online über eine falsche Ärztin
Sie rettete Leben, therapierte aidskranke Kinder, erhielt gar einen Medizinerpreis:
Viereinhalb Jahre praktizierte Cornelia E. dank gefälschter Zeugnisse an der Hamburger
Uni-Klinik, jetzt droht ihr Knast. Der Fall hat eine Diskussion über die ärztliche
Vorprüfung ausgelöst. Mit welchem Aminosäurerest eines Glykoproteins sind in der Regel Oligosaccharide ß-Nglykosidisch verknüpft?“ Die Hamburger Medizinstudentin Cornelia E., damals 22 Jahre alt, starrt auf den Fragebogen, schüttelt den Kopf. „O Gott“, flüstert sie, „das wird wieder nix.“Cornelia E. schwitzt. Ihr ist übel. Sie muss sich schnell zwischen fünf Möglichkeiten entscheiden. Handelt es sich um Serin, um Threonin oder um Asparaginsäure? Oder, verdammt noch mal, um Asparagin oder Glutamin?
Weil sie die richtige Antwort (Asparagin) nicht weiß, rät sie, streicht Möglichkeit B an, Threonin. Guckt auf die Uhr. Wird noch unruhiger. Denn auch bei der nächsten Frage wird sie raten müssen: „Wie nennt man den Mechanismus, bei dem im Rahmen der Stoffwechselregulation die Aktivität eines Enzyms durch Phosphorylierung eines Serinrestes verändert wird?“
Drei Stunden später an diesem April-Dienstag 1997 ist die schriftliche ärztliche Vorprüfung, das sogenannte Physikum, für Cornelia E. vorbei. Zweimal ist sie schon durchgefallen, dieser dritte Test war ihre letzte Chance. Sie ahnt, dass sie erneut versagt hat. Und sie weiß: Wer dreimal nicht besteht, darf in Deutschland nicht weiter Medizin studieren.
November 2007. Cornelia E., inzwischen 33, kastanienbraunes, schulterlanges Haar, freundliches, rundes Gesicht, sitzt niedergeschlagen in einer Hamburger Anwaltskanzlei, lässt sich aufzählen, wegen welcher Tatbestände die Staatsanwaltschaft gegen sie ermittelt: Urkundenfälschung, Betrug, Körperverletzung. Delikte, die mit hohen Gefängnisstrafen geahndet werden können.
Zehn Jahre lebte die junge Frau mit einer Lüge: Sie fälschte Zeugnisse und Urkunden, beschummelte Lehrer und Kollegen, belog selbst ihre engsten Angehörigen. Und praktizierte jahrelang auf der Kinderstation der renommierten Hamburger Universitätsklinik Eppendorf.
Sie war anerkannt und beliebt, galt als hochqualifiziert, als eine Frau, die ihren Beruf mit Hingabe und Begeisterung ausübte. „Sie war unsere Beste“, urteilt ein ehemaliger Vorgesetzter.
Ihr Fall hat einmal mehr eine Diskussion über die Medizinerausbildung in den ersten Semestern und, vor allem, über Sinn und Unsinn der ärztlichen Vorprüfung ausgelöst, die jedes Jahr neu von Tausenden Studenten verflucht wird. Insbesondere der schriftliche Test, bei dem 320 Fragen zu den Komplexen Chemie, Physik, Anatomie und Psychologie beantwortet werden müssen, ist umstritten. Auch deshalb, weil das angewandte Multiple-Choice-Verfahren – eine von fünf Antwortmöglichkeiten ist richtig und muss angestrichen werden – selbst gutvorbereitete Studenten oftmals verwirrt.
„30 Prozent der Fragen sind für den Arztberuf völlig überflüssig“, urteilen Kritiker des Ausbildungssystems wie der Berliner Medizinprofessor Walter Burger. Abgefragt werde auswendig gelerntes theoretisches Wissen, das ohne Praxisbezug ganz fix wieder vergessen werde, außerdem den Studenten die Lust am Lernen vermiese.
Cornelia E. bereut schon im ersten Semester, dass sie auf dem Gymnasium die Fächer Physik und Chemie vorzeitig abgewählt hat. Sie kann den Vorlesungen in diesen Disziplinen nur schwer folgen, fühlt sich in den überfüllten Hörsälen in ihre Schulzeit zurückversetzt. Das hat sie sich alles anders vorgestellt.
Dabei will sie unbedingt Ärztin werden. Der menschliche Körper, seine Funktionen und Komplikationen haben sie schon als Schülerin interessiert. Als ihr älterer Bruder fast an einer Hirnblutung stirbt, nur durch eine schnelle Operation gerettet wird, steht ihr Berufswunsch endgültig fest.
Deshalb kämpft sie sich trotz Anfangsschwierigkeiten die vier Semester bis zum Physikum durch. Sie vertieft sich in der Hamburger Uni-Klinik in den Aufbau des Gehirns, der sie fasziniert, scheut sich auch nicht wie andere Kommilitonen vor anatomischen Studien an Leichen, paukt Theorie für die Vorprüfung.
Dass sie beim ersten Mal durchfällt, verharmlost sie als eine Art Betriebsunfall. Okay, sie hat halt kein Händchen für dieses verflixte Multiple-Choice-Verfahren, kann mit diesen verqueren Fragen und diesen komplizierten Lösungen oft nichts anfangen, kreuzt generell das Falsche an. Aber wenn sie noch intensiver büffelt, tröstet sie sich, werde es beim zweiten Versuch schon klappen.
Von wegen. Die geforderten 60 Prozent richtiger schriftlicher Antworten packt sie wieder nicht. Erneut rächt sich, dass sie gerade in Physik und Chemie zwar viele Formeln auswendig gelernt, aber nicht kapiert hat – und deshalb auf variierte Fragen nicht flexibel reagieren kann. Prompt gerät sie unter gewaltigen Druck.
„Willst du nicht doch was anderes studieren?“, fragt der Vater, ein pensionierter Personalchef, gewohnt, Menschen nach Leistungen zu beurteilen. „Conny, andere schaffen das doch auch“, wundert sich eine Freundin, nährt die Selbstzweifel, die ohnehin längst an Cornelia E. nagen. (…)