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XIX. Jahreskongress des GBO zu medizinischen Erfolgen in der Erwachsenen-Kieferorthopädie April 26, 2014

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Botox, Bimax, Biofilm:

Mehr Sicherheit für die Praxis durch mehr Wissen über Zusammenhänge: Das ist das Konzept der Jahreskongresse des GBO / German Board of Orthodontics, die jeweils
einen bestimmten Aspekt im kieferorthopädischen Praxisalltag aufgreifen und unter aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnissen vielseitig beleuchten. Referenten aus verschiedenen Disziplinen nehmen das Auditorium mit auf die Erkenntnis-Reise zu innerprofessionellen und/oder interdisziplinären Fragestellungen und modernen Antworten. Beim nunmehr XIX. Jahreskongress am 28. und 29. März 2014 in Bonn, den GBO-Vorsitzende Dr. Gundi Mindermann/Bremervörde als erneut ausgebucht eröffnen konnte, lag dieser Fokus auf den medizinischen Erfolgen in der Erwachsenen-Kieferorthopädie und hier nicht zuletzt auf den Schnittstellen mit angrenzenden Gebieten auch aus der Allgemeinmedizin.

Tagungspräsident und Moderator des Kongresses war Dr. Bernd Zimmer/Kassel und damit erstmals ein niedergelassener Kieferorthopäde, der allerdings eng mit universitären Einrichtungen zusammenarbeitet und seine Erfahrungen und Kontakte in ein spannendes Tagungsprogramm verweben konnte.

Rolf-Fränkel-Ehrenvorlesung: Prof. Dr. Rainer Schwestka-Polly
Traditioneller Auftakt der GBO-Jahreskongresse ist die „Rolf-Fränkel-Ehrenvorlesung“, die der Referent des Jahres 2014, Prof. Dr. Rainer Schwestka-Polly/Hannover, unter das Oberthema „Funktionskieferorthopädie“ stellte und hier über Erfolge in der gelenkbezüglichen kieferorthopädisch-kieferchirurgischen Therapie berichtete. Es sei eindrucksvoll, wie nachhaltig der im Jahr 2001 verstorbene Fränkel das Fach nach wie vor präge, aber auch, wie Forschung und Entwicklung sein Gedankengut in hochmoderne Apparaturen umgesetzt habe. Dennoch habe sich etwas verändert: „Laut Fränkel ist eine orthopädische Beeinflussung der Funktion bis zum Abschluss des Wachstums möglich – wir haben aber heute auch Patienten nach dieser Entwicklungsphase.“ Insbesondere bei dieser Patientengruppe müsse sich die Kieferorthopädie als interdisziplinäres Gebiet beweisen: „Wir brauchen alle Disziplinen der Zahnheilkunde und oft weitere aus anderen Gebieten. Wir brauchen das Zusammenspiel von Kieferorthopädie und Kieferchirurgie.
Erwachsenenkieferorthopädie – das ist ZahnMedizin, wie sie Professor Meyer aus Greifswald als Leitbild für die moderne Zahnheilkunde beschrieben hat.“ Die Indikation gelenkbezogener Kieferchirurgie sei nicht immer nur okklusal gegeben, sondern auch durch persönliche Belastungen: „Der Leidensdruck der Patienten bei Fehlstellungen ist enorm. Jahreslanges Mobbing und Leiden macht sie krank. Hier sind wir gefordert, medizinische Lösungen zu schaffen.“ Für die Teilnehmer aus der Praxis zeigte Professor Schwestka-Polly das komplexe Vorgehen bei der Diagnostik und die Grundlagen für die Entscheidung zu einem chirurgischen Eingriff. Für die Umstellung des gesamten zahntragenden Komplexes gebe es heute erfolgreiche Protokolle und auch interessante digitale Planungsprogramme. Sein Anliegen: „Egal, welchen Weg Sie gehen: Er sollte immer ein geschlossenes Konzept sein. Und, in Erinnerung an Rolf Fränkel: Denken Sie an die Funktion!“

Rezessionen, Osteotomien und neurogene Spasmen
Es sei ihre erste Einladung zu einem kieferorthopädischen Kongress, freute sich Prof. Dr. Nicole Arweiler, und dankte für die Einladung. Ihr Thema war die Therapie bei singulären und multiplen Rezessionen – ein Bereich, in dem auch der individuelle Biofilm und das Entzündungsrisiko eine wichtige Rolle spielt. Ungünstiges „Zerren“ an gingivalem Gewebe könne ausgelöst werden durch Lippenbänder, Bruxen und zu starke Kräfte bei kieferorthopädischer Therapie unter besonderen anatomischen Bedingungen. Ob bei einer Rezessionsdeckung die Chirurgie der Kieferorthopädie folgen solle oder umgekehrt, müsse individuell entschieden werden. Für die Falldarstellung einer Tunneltechnik-Lösung gab es Spontan-Beifall seitens der Kieferorthopäden.
In einer Kurzversion seines Vorkongress-Beitrages vermittelte Prof. Dr. Ki Beom Kim/St. Louis Grundlagen über die Bedeutung des Schlafes für die Allgemeingesundheit und eine Übersicht über die häufigsten Auslöser von Schlafstörungen. Kieferorthopäden seien aufgerufen, ihre Patienten auf Anzeichen von Atemwegsbeengung zu beobachten. Häufig bringe bei solchen Störungen eine „Bimax“ (bimaxilläre Osteotomie) eindrucksvolle gesundheitliche und psychische Verbesserungen für die Patienten.
Dass auch „Botox“ in Kieferorthopädie und Kieferchirurgie ein hilfreicher Assistent sein kann, zeigte Prof. Dr. Dr. Bodo Hoffmeister/Charité. Botulinumtoxin habe sich, so provokant das auf den ersten Blick wirke, in der Zahnheilkunde als nützlich erwiesen beispielsweise bei Dysfunktionen der Kaumuskulatur, selektiver Reduktion der Muskelaktivität,  Muskelhypertrophie und neurogenen Spasmen. Patienten erspare der Einsatz oft eine Operation und ermögliche durch die neue Beweglichkeit der Muskulatur weitergehende therapeutische Interventionen wie Physiotherapie. Der Einsatz von „Botox“ sei in diesen Fällen ein off-label-use und müsse nach dezidierter Aufklärung von den Patienten schriftlich bestätigt werden. Es gebe kaum Daten, und eine zahnmedizinische Studie sei dem Hersteller zu aufwändig gewesen, trotzdem habe das Produkt in Zahnheilkunde und Kieferorthopädie großes Potential. Professor Hoffmeister: „Es gibt ganz wunderbare Einsatzgebiete und Hilfe!“

Kongress-Splitter: Spannendes aus weiteren Bereichen
Den Themenbereich CMD und chronische Schmerzen ging PD Dr. Anne Wolowski/Münster aus psychosomatischem Blickwinkel an. Psychosoziale Faktoren hätten eine Leitfunktion bei Entstehung und Bewältigung der Erkrankung und spielten auch bei Bruxismus eine gewichtige Rolle. Mit Blick auf die Prävalenz zeige Letzterer insbesondere bei Jugendlichen einen deutlichen Anstieg an Betroffenen. Die Entspannungsfähigkeit eines Menschen sei entscheidend für die Stressbewältigung – Bruxismuspatienten konnten dies einer Studie zufolge besonders schlecht.
Ebenfalls aus Münster nach Bonn gekommen war Prof. Dr. Dr. Johannes Kleinheinz, der über die deutliche Zunahme von Patienten im Alter zwischen 30 und 60 Jahren in der Sprechstunde für orthognathe Chirurgie berichtete. Herausforderungen für die Praxen seien hier Begleiterkrankungen, auch Behinderungen, der hohe Anspruch an Ästhetik, die Diskussion um Kostenerstattung und in mancherlei Hinsicht auch der steigende  Anteil multiethnischer Patientengruppen. Für typische Fälle, nicht zuletzt im Bereich prothetischer Herausforderungen, zeigte er erfolgreiche Therapiekonzepte.
Um Prothetik ging es auch bei Dr. Dr. Marc Schätzle/Luzern und hier insbesondere um die stabile Versorgung bei Nichtanlagen seitlicher Schneidezähne und bei Zapfenzähnen. Er präsentierte implantologische, prothetische und kieferorthopädische Vorgehen, stellte Non-Ex-Verfahren solchen mit Extraktionen gegenüber und empfahl, bei Nichtanlagen die Situationsanalyse so vorzunehmen, als seien alle Zähne vorhanden: „Sonst plant man voreingenommen!“
Dass auch die Endokrinologie und Gastroenterologie den Kieferorthopäden Spannendes zu berichten hat, was auch umgekehrt gelte, machte Prof. Dr. Wilhelm Nolte/Gelsenkirchen deutlich: „Was wäre der Magen-Darm-Trakt mit seinem ausgeklügelten Hormon-Zusammenspiel ohne die Zähne? Wir Gastroenterologen müssten uns viel mehr mit den Zähnen befassen!“ Er fokussierte insbesondere den hormonell gesteuerten Knochenauf- und -abbau und die Risiken bei sich änderndem Knochenstoffwechsel – mit besonderem Blick auf osteoporotische Entwicklungen.
Den Abschlussvertrag hielt der wissenschaftliche Leiter des GBO-Jahreskongresses 2014, Dr. Bernd Zimmer, zu kieferorthopädischer Behandlung traumatischer Okklusionen mit potentiell negativen Folgen für das Parodontium. Er zeigte eindrucksvolle Fälle nichtchirurgischer Tiefbiss- und Overjetbehandlung zur Enttraumatisierung und dass sich bei Beseitigung des Störkontaktes die Rezessionen zurückbilden können: „Ich setze meinen Schwerpunkt auf die – bei sehr ausgeprägten Fällen auch segmentierte – Mechanik!“ Sein Statement zum Abschluss seines Vortrages war auch eines, das den Jahreskongress selbst zusammenfassen könnte: „Wir haben nicht nur eindrucksvolle  Erfolge in der interdisziplinären Zusammenarbeit: Auch unser eigenes Fach allein schafft viel!“ Für das spannende Programm und auch die hervorragende Moderation des Kongresses erhielt Dr. Zimmer anhaltenden Beifall des Auditoriums.

Infos: www.german-board.de

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